Lahmheiten erkennen
Ein Thema, dass man am liebsten verdrängen möchte. Leider gehören Lahmheiten zum Pferdealltag und müssen ernst genommen werden. Zumal Pferde Flucht- und Beutetiere sind, die Schmerzen und Krankheiten naturgemäß unterdrücken und erst dann zeigen, wenn sie nicht mehr zu verbergen sind.In diesem Artikel geht es ausschließlich darum, beginnende Lahmheiten rechtzeitig zu erkennen, um Folgeschäden und Komplikationen möglichst zu vermeiden. Für die genaue Diagnose und die sich daraus ergebende Therapie ist der Tierarzt zuständig!
Ursachen und Merkmale
Lahmheiten können mehrere Ursachen haben. Unterschieden wird zwischen:- schmerzbedingter,
- mechanischer,
- neurologischer Lahmheit
- und Lahmheit durch Sauerstoffmangel.
Die häufigsten Ursachen sind:
- Hufprobleme (Hufrolle, Hufrehe, Abszesse, eingetretene Fremdkörper),
- Verletzungen an Sehnen und Bändern (Sehnenentzündungen, Fesselträgerschäden, meist Überlastung),
- Gelenkprobleme (Arthritis, Arthrose, Spat),
- Traumata (Prellungen, Verstauchungen, Frakturen),
- Muskelprobleme (vom Muskelkater bis Kreuzverschlag),
- Falsche Ausrüstung (Sattel, Hufbeschlag oder Hufbearbeitung).
Die Stützbein- und Hangbeinlahmheit
Beide Lahmheitsformen sind für die weitere Diagnose entscheidend. Seltener und komplizierter ist eine gemischte Lahmheit, bei der beide Formen gleichzeitig auftreten oder bei der mehr als ein Bein betroffen ist.Die Stützbeinlahmheit ist die häufigste Variante. Der Schmerz tritt in der Belastungsphase des erkrankten Beines auf. Das Pferd stützt sich daher nur kurz auf das schmerzende Bein und lässt sich möglichst schnell zurück auf das gesunde Bein fallen. Der sich daraus ergebende Taktfehler (kurz-lang) ist meist schon bei einem geringen Schweregrad zu erkennen. Einen noch deutlicheren Hinweis liefert das Kopfnicken bei einer Vorderbeinlahmheit. Beim Auffußen mit dem schmerzenden Bein hebt das Pferd den Kopf, um das Bein zu entlasten. Beim Auffußen des gesunden Beins lässt es den Kopf fallen. Es entsteht der Eindruck, als ob das Pferd sich auf sein gesundes Bein fallen lässt! Oft wird dieser Moment nicht richtig gedeutet und führt zu einer falschen Diagnose. (Das gesunde Bein wird mit dem kranken verwechselt.)
Bei den Hinterbeinen gelten die gleichen Überlegungen. Das Pferd versucht, das kranke Bein zu entlasten, indem es die Stützbeinphase verkürzt und das Gewicht auf das gesunde Bein verlagert. Die Gewichtsverlagerung auf das gesunde Bein wird durch ein Absenken der Kruppe sichtbar. Dagegen wird die Kruppe über dem kranken Bein angehoben. Bei ausgeprägten Lahmheiten kommt es im Trab zu einem regelrechten "Beckenhüpfen". Stützbeinlahmheiten lassen sich auf hartem Untergrund besonders gut erkennen.
Bei der Hangbeinlahmheit tritt der Schmerz während der Schwebephase des erkrankten Beins auf. Meist sind Probleme im oberen Beinbereich die Ursache (Muskeln, Sehnen, Nerven). Das betroffene Bein wird oft kürzer und zögerlich nach vorne gesetzt. Der Huf wird vielfach nach vorn geschleift und hängen gelassen. Aber auch der umgekehrte Fall ist möglich. Das Pferd hebt das Bein ungewöhnlich hoch oder schwingt es auffällig nach außen, ähnlich wie beim Hahnentritt. Sowohl bei einer Stützbein-, als auch bei einer Hangbeinlahmheit versucht das Pferd sich auf sein gesundes Bein fallen zu lassen. Eine Unterscheidung zwischen beiden Lahmheiten ist daher nicht immer einfach.
Zur weiteren und genaueren Eingrenzung der Diagnose haben sich folgende Methoden bewährt:
- Beurteilung im Stand Manche Lahmheiten lassen sich bereits im Stand erkennen. Das Pferd entlastet das schmerzende Bein, indem es vorsichtig die Hufspitze aufsetzt. Es ist nicht zu verwechseln mit der normalen Entlastungshaltung des einen oder anderen Hinterbeins. Erst, wenn das Pferd immer dasselbe Bein entlastet, besteht der Verdacht auf eine Lahmheit.
- Beurteilung auf hartem und weichem Boden Eine Stützbeinlahmheit lässt sich auf hartem Untergrund besonders gut erkennen. Das Pferd zeigt den Schmerz deutlicher. Außerdem lässt sich über das Gehör der gestörte Takt gut wahrnehmen. Selbst das vorsichtige Auftreten des schmerzenden Beins ist hörbar. Es klingt leiser. (Mit geschlossenen Augen gelingt die Wahrnehmung noch besser!)
- Longieren auf dem Zirkel Auf gebogenen Linien werden die inneren und äußeren Beine unterschiedlich beansprucht. Die inneren Beine müssen mehr Gewicht aufnehmen, die äußeren Beine müssen einen weiteren Weg zurücklegen. Eine Stützbeinlahmheit auf dem inneren Bein wird folglich deutlicher wahrgenommen als auf dem äußeren. Bei der Hangbeinlahmheit ist es umgekehrt. Hier fällt die Lahmheit auf dem äußeren Bein mehr auf, weil es dem Pferd schwer fällt, dieses Bein weiter nach vorn zu führen.
- Unterschiedliche Gangarten Der Trab ist die geeigneste Gangart, um Lahmheiten zu beurteilen, weil hier (zumindest auf gerader Linie) alle vier Beine gleichmäßig belastet werden. Treten Lahmheiten bereits im Schritt oder sogar im Stand auf, ist von einem höheren Schweregrad auszugehen. Dann sollte umgehend ein Tierarzt gerufen werden.
Die Hangbeinlahmheit lässt sich dagegen auf weichem Boden besser erkennen. Oft sind hierbei Muskeln und Sehnen betroffen, die bei weichem Boden mehr beansprucht werden und daher auch mehr Schmerzen verursachen.
Fazit: Beim Longieren wird die Lahmheit auf einer Hand deutlicher. Hat das Pferd eine Stützbeinlahmheit auf der linken Seite, wird diese beim Longieren auf der linken Hand sichtbarer. Eine Hangbahnlahmheit auf derselben Seite macht sich dagegen beim Longieren auf der rechten Hand mehr bemerkbar.
Bei leichten, kaum wahrnehbaren Lahmheiten, die nur im Trab auftreten, kann es sich auch um Muskelkater oder ein Vertreten handeln. Mit ein paar Tagen Ruhe und kühlenden Maßnahmen kann man erstmal abwarten. Entscheidend für weitere Schritte ist immer die Tendenz des Verlaufs!
Videos zur Blickschulung
Soweit das kleine Einmaleins der Lahmheiten in der Theorie. Die sichere Beurteilung in der Praxis hingegen erfordert Erfahrung und ein geschultes Auge. Die folgenden Beispiele sollen helfen, Bewegungsabläufe besser zu erkennen und den Blick für Lahmheiten zu schärfen. Nutzen Sie auch die Zeitlupen- und Zeitraffereinstellungen bei der Videowiedergabe.| Video 1: Stützbeinlahmheit, vorne rechts Gezeigt im Schritt und Trab auf beiden Händen. |
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| Video 2: Stützbeinlahmheit, vorne links Gezeigt im Schritt und Trab auf beiden Händen. |
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| Video 3: Hangbeinlahmheit, hinten links |
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